5-Fluorouracil (5-FU) zählt zu den am häufigsten verwendeten Chemotherapeutika bei der Behandlung von Tumorerkrankungen. Andere Stoffe wie etwa Capecitabin (bspw. Ecansya® oder Xeloda®) und Tegafur (bspw. Teysuno®) sind sog. Vorstufen und werden erst im Körper zu 5-FU umgewandelt. Das Enzym Dihydropyrimidin-Dehydrogenase (DPD, DPYD-Gen) stellt den ersten und wichtigsten Schritt im Abbau des aktiven 5-FU im Körper des Patienten dar. Ist die Funktion der DPD gestört, kann sich daher das 5-FU im Körper anreichern und zu schweren bis lebensbedrohlichen Nebenwirkungen führen.
Die EMA hat aus diesem Grund eine Empfehlung herausgegeben, vor einer Therapie mit den oben genannten Substanzen eine Testung auf funktionale Varianten im DPYD-Gen durchzuführen, um das Risiko von toxischen Nebenwirkungen zu reduzieren.1 Eine diesbezügliche genetische Untersuchung vor geplanter 5-FU-Therapie wird seit Oktober 2020 von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.2
Es sind verschiedene genetische Varianten des für die Dihydropyrimidin-Dehydrogenase kodierenden Gens DYPD bekannt, die zu einer verminderten DPD-Aktivität führen. Bis zu 30 % der mit 5-FU behandelten Patienten erleiden schwere Nebenwirkungen, häufig ausgelöst durch eine von vier genetischen Varianten im DPYD-Gen und einer damit verbundenen reduzierten Enzym-Aktivität3: Eine dieser Varianten (c.1905+1G>A), die mit einer heterozygoten Frequenz von 0,5-1 % relativ häufig in der unselektierten europäischen Bevölkerung auftritt4, führt zum sogenannten „Exon 14 Skipping“ und erzeugt ein verkürztes, inaktives Enzym. Die betroffenen Patienten können das verabreichte 5-FU nur vermindert abbauen. Zusätzlich wurden weitere Varianten beschrieben, die ebenfalls zu einer verminderten Aktivität des DPD-Enzyms führen können: c.1679T>G, c.2846A>T und HapB3/c.1129-5923C>G (vormals als HapB3/ c.1236G>A bezeichnet). Die Variante c.1129-5923C>G (rs75017182) wurde nach CPIC-Empfehlung anhand der gekoppelten Variante c.1236G>A (rs56038477) analysiert. Neuere Daten (Turner et al. 2024 PMID 37639651) haben jedoch gezeigt, dass diese beiden Varianten nicht immer gekoppelt vorliegen und nun eine direkte Analyse der funktionalen Variante c.1129-5923C>G (rs75017182) empfohlen wird5. Die Genotypisierung der Variante c.1129-5923C>G ist relevant, um nicht fälschlicherweise eine Dosisreduktion durchzuführen. Gemäß den im Januar 2024 aktualisierten CPIC® Empfehlungen erfolgt daher nicht nur eine Testung auf den stellvertretenden c.1236G>A SNP, sondern eine ergänzende gezielte Testung auf die eigentlich ursächliche Variante HapB3/c.1129-5923C>G.
Wird eine Anlageträgerschaft dieser Varianten vor Beginn einer Therapie erkannt, kann mit einer alternativen Therapie oder mit deutlich reduzierter 5-FU Dosierung behandelt werden, um eine Toxizität zu vermeiden.3
Das MGZ – Medizinisch Genetische Zentrum führt die Genotypisierung zur Bestimmung des Metabolisierungsstatus von Dihydropyrimidin-Dehydrogenase vor systemischer Therapie mit 5-Fluorouracil (5-FU) oder Vorstufen wie Capecitabin und Tegafur durch. Zur Untersuchung benötigt werden:
- Muster-10-Überweisungsschein für die Beauftragung der Laborleistung
- 2-4 ml EDTA-Blut
Wenn Sie Fragen zur DPD (Dihydropyrimidin-Dehydrogenase-Testung) haben, kontaktieren Sie uns gern. Das fachärztliche Team des MGZ steht Ihnen konsiliarisch unter 089/30 90 886 – 0 zur Verfügung.
1 EMA/229267/2020, 30.04.2020,
https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/referrals/fluorouracil-fluorouracil-related-substances-capecitabine-tegafur-flucytosine-containing-medicinal
2 Beschluss des Bewertungsausschusses nach § 87 Abs. 1 Satz 1 SGB V in seiner 513. Sitzung am 15. September 2020
3 Henricks, L. M., et. al. (2018). DPYD genotype-guided dose individualisation of fluoropyrimidine therapy in patients with cancer: A prospective safety analysis. The Lancet Oncology, 19(11), 1459–1467.
4 https://gnomad.broadinstitute.org/variant/1-97915614-C-T?dataset=gnomad_r2_1
5 CPIC UPDATE (https://cpicpgx.org/guidelines/guideline-for-fluoropyrimidines-and-dpyd/), Amstutz et al. 2017 PMID 29152729, Turner et al. 2024 PMID 38129972